Was bedeutet gleichberechtigte Partnerschaft eigentlich?

Gleichberechtigte Partnerschaft

Bevor Paare zu Eltern werden, gehen viele davon aus, total gleichberechtigt zu leben. Doch dann kommt das erste Kind und der Patriarchatsschock trifft mit voller Wucht – Mütter meist früher und härter. Es ist ja doch gar nicht so leicht, als Frau Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Eigentlich klappt das nur dann, wenn Unterstützung von den Omas da ist – also anderen Frauen. 

Doch nicht nur für Mütter ist eine fehlende gleichberechtigte Aufteilung der Familienarbeit problematisch. Auch für Väter gibt es erhebliche Nachteile. Aber eins nach dem anderen. Fangen wir vorne an:

Was bedeutet gleichberechtigte Partnerschaft? 

Um das Ganze etwas zu verbindlichen, stelle ich mir eine gleichberechtigte Partnerschaft so vor:

Ein Elternpaar sitzt an einem Tisch, auf diesem Tisch liegen viele Karten, auf denen Aufgaben stehen, die im gemeinsamen Familienleben anfallen – Kochen, Einkaufen, Wäsche waschen, Kinder (emotional) begleiten, Reparaturen vornehmen, Autoreifen wechseln, Versicherungen prüfen, etc. Eine Beziehung ist dann gleichberechtigt, wenn kein Elternteil automatisch bestimmte Karten auf der Hand hält, weil er ein Mann ist oder sie eine Frau ist (bzw. Aufgrund eines bestimmten Rollenverständnisses in der Beziehung). Das bedeutet, dass eine gleichberechtigte Beziehung einen Dialog erfordert. Man muss darüber sprechen und gemeinsam festlegen, wer sich um welche Aufgaben kümmert. Wenn dieser Dialog nicht stattfindet, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man als Elternpaar automatisch in eine klassische Rollenverteilung rutscht, denn die Weichen sind in unserer Gesellschaft darauf gestellt. Dabei ist die Tatsache, dass beide Elternteile erwerbsarbeiten nicht der ausschlaggebende Indikator dafür, ob sie sich die Elternschaft gleichberechtigt aufteilen. Zwei Eltern können exakt gleich viel erwerbsarbeiten und trotzdem kann die Beziehung nicht gleichberechtigt sein: Wenn ausschließlich und unabgesprochen die Mutter das kranke Kind zu Hause betreut oder sie alleine diejenige ist, die die Kommunikation mit Schule/Kindergarten übernimmt. Wenn sie alleine diejenige ist, die weiß, welche Kleider- und Schuhgröße das Kind gerade braucht und, ob in der entsprechenden Größe noch ausreichend saubere Kleidung und Schuhe im Schrank sind. 

Risiken einer nicht gleichberechtigten Elternschaft

Solange eine Beziehung nicht gleichberechtigt ist, hat sie ein hohes Risiko, dass folgende Dinge eintreten:

Für Mütter

  • Finanzielle Abhängigkeit
  • Mental Load, das heißt die mentale Überforderung durch die vielen (oft unsichtbaren) Prozessschritte der Familienarbeit
  • Stark eingeschränkte Möglichkeiten zur beruflichen Selbstverwirklichung

Für Väter:

  • Financial Load, das heißt die finanzielle Last alleine oder hauptsächlich auf den Schultern zu tragen
  • Wenig Familienzeit und die Gefahr zum „Elternteil 2.Klasse“ degradiert zu werden
  • Alltagsabhängigkeit (Abläufe im Familienalltag sind nicht bekannt/nicht routiniert genug)

Für die Partnerschaft:

  • Qualität der Partnerschaft leidet
  • Machtgefälle innerhalb der Partnerschaft (Finanziell zugunsten des Vaters; Entscheidungsmöglichkeiten und Einfluss auf Kind(er) betreffend zugunsten der Mutter)

Für eine  gleichberechtigte Beziehung braucht es nicht zwingend eine 50/50 Aufteilung, also die Übernahme von 50% der Haus-, Care- und Erwerbsarbeit jeweils eines Elternteils. Es ist eine mögliche Variante der gleichberechtigten Elternschaft. Der ausschlaggebende Punkt ist der, dass sich ein Elternpaar gemeinsam überlegt, welche Aufgaben gemacht werden müssen und wer welche Aufgaben übernimmt. Das alleine ist schon eine große Herausforderung, denn:

Ein Großteil der Carearbeit ist unsichtbar

Einer der Gründe, warum Carearbeit in unserer Gesellschaft nicht angemessen wertgeschätzt wird, ist, dass ein Großteil der Carearbeit unsichtbar ist. Das liegt zum Einen daran, dass einzelne Aufgaben meist sehr viele kleine Prozessunterschritte haben, die nicht als einzelne Unteraufgaben wahrgenommen werden. Eine Einladung zum Kindergeburtstag bei einem befreundeten Kind beinhaltet nicht nur, das eigene Kind dort hinzufahren und wieder abzuholen. Es beinhaltet, zu prüfen, ob es terminliche Kollisionen gibt und diese zu beheben, die Eltern des Geburtstagskindes nach einer Geschenkidee zu fragen, das Geschenk zu organisieren und einzupacken, und letztendlich das Kind hinzufahren und wieder abzuholen. 

Zum Anderen ist ein großer Teil der Carearbeit unsichtbar, weil sie emotionale Arbeit beinhaltet – die emotionale Begleitung des Kindes, Bindungsaufbau, Beziehungspflege zu Verwandten (wer denkt daran, dass Oma Margarete Geburtstag hat und ruft sie an?). All das ist anstrengend und braucht Kraft.

Dadurch, dass ein so großer Teil der Carearbeit nicht sichtbar ist, fällt es so vielen Frauen schwer, erstens selber zu verstehen, warum sie so erschöpft sind („Ich habe heute schon wieder nichts geschafft.“), zweitens fällt es schwer, dem Umfeld zu vermitteln, wie viel Arbeit Familienarbeit ist. 

Wie man diese Aufgaben im Sinne einer gleichberechtigten Elternschaft fair-teilen kann, lernt man in meinem Buch „Eltern sein. Partnerschaft leben.“.

Warum die gleichberechtigte Elternschaft so ein großer Hebel ist

Es gibt mehrere Hebel, die für mehr Gleichberechtigung betätigt werden können:

  • Politische Entscheidungen und Maßnahmen (z.B. Abschaffung des Ehegattensplittings)
  • Arbeitgeber:innen, die Vereinbarkeit von Müttern UND Vätern fördern
  • Förderung von beruflicher Verwirklichung für Frauen
  • Förderung der Übernahme der Carearbeit durch Männer
  • Leben einer gleichberechtigten Elternschaft mit einer fairen Aufteilung von Care-, Haus- und Erwerbsarbeit

In meinen Augen hat das Leben einer gleichberechtigten Elternschaft eine sehr große potentielle Sogkraft. Wenn deutlich mehr Eltern eine gleichberechtigte Elternschaft leben würden, Väter ähnlich lange Elternzeit nähmen, in Teilzeit erwerbsarbeiten und Kindkranktage nutzen würden, wäre es für Arbeitgeber:innen schnell unverzichtbar für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sorgen. Zusätzlich wäre es ein ähnlich hohes „Risiko“, einen jungen Mann einzustellen wie eine junge Frau. 

Eben weil ich von dieser Sogkraft so überzeugt bin, setzte ich mit viel Leidenschaft an genau diesem Hebel an. In meinen Augen fördert man damit nicht nur die Gleichberechtigung aller Geschlechter ganz allgemein, sondern auch die Qualität seiner Partnerschaft, denn das Bemühen um Gleichberechtigung ermöglicht ein befreiendes Machtgleichgewicht und letztendlich eine Beziehung auf Augenhöhe.